Als der berühmte Publizist in mein Dekolleté griff – MeToo und meine persönlichen Erfahrungen damit

Während Sie diese Zeilen lesen (vorausgesetzt Sie lesen sie am Vormittag zwischen 10 und 12 Uhr), bin ich im rheinland-pfälzischen Familienministerium zu einem Frühstück mit Presse eingeladen. Nicht als Journalistin, sondern als Botschafterin. Als Botschafterin für die Kampagne der Familienministerin Anne Spiegel „laut+stark“. In dieser Kampagne ruft die Familienministerin alle auf, sich mit den Opfern sexueller Gewalt zu solidarisieren. Warum ich diese Kampagne unterstütze? Weil ich selbst als junge Frau zweimal dreiste männliche Übergriffe ertragen musste und lange darüber nachdachte, wie ich meine eigene Tochter davor schützen kann.

Welche Männer ihre Finger nicht bei sich behalten konnten und was ich meiner Tochter mit auf den Weg geben möchte – darum geht es heute in meinen Freutagsgedanken.

Botschafterin werden, damit die MeToo-Debatte weitergeht

Als ich gefragt wurde, ob ich Botschafterin für die Kampagne „laut+stark“ werden möchte, sagte ich spontan zu. In diesem Moment hatte ich die MeToo-Debatte und meine Tochter vor Augen. Die Übergriffigkeiten der beiden Männer fielen mir erst später wieder ein.

Bei der Bambiverleihung kam es zur ersten MeToo-Begegnung

Eigentlich war ich nie der Typ, der in der Disco ununterbrochen angequatscht wurde. Im Gegenteil. Meistens traute sich keiner an mich ran. Ein guter Freund meinte einmal, ich hätte eine so unnahbare Aura. Wohl deswegen war ich total perplex als mir ein berühmter Autor und Publizist bei der Bambiverleihung 1989 in München erst die Wange streichelte und mir dann ins Dekolleté griff. Es ging alles so schnell, dass ich überhaupt nicht reagieren konnte. Die Situation war folgende: ich hatte mit diesem Mann ein kurzes Interview für die Radiostation, für die ich damals arbeitete, gemacht. Dabei saß der ältere Herr auf einem Stuhl und ich beugte mich zu ihm runter. Was ich als 22-jährige nicht bedacht hatte, war die Tatsache, dass dieses „Runterbeugen“ offensichtlich einen tiefen Einblick in mein Dekolleté zuließ. Doch nur Gucken reichte ihm nicht, am Ende des kurzen Interviews kam es zu oben beschriebener Szene. Eigentlich hätte ich ihm eine runterhauen sollen, aber ich war zu jung, zu gut erzogen, zu perplex, zu respektvoll – einfach unmöglich in einer solchen Situation mitten unter all der Prominenz adäquat zu reagieren.

Die zweite MeToo-Begegnung hatte ich als Studentin

Die zweite übergriffige Handlung war ein paar Jahre später. Deutlich drastischer. In der Form, aber auch im Abhängigkeitsverhältnis. Es war ein Professor an der Uni, an der ich studierte. Ich war in seinem Büro, um die Inhalte für eine Hausarbeit abzuklären, als er plötzlich völlig aus dem Nichts seine Hände überall an meinem Körper hatte. Ich wehrte mich nach Kräften – mit Erfolg – auch als er ein zweites Mal mit den Worten „vielleicht ist ja eine Bastion zu erstürmen“ angriff. Auch hier reagierte ich völlig falsch. Denn ich wehrte ihn zwar ab, aber anstatt das Büro zu verlassen und die Situation der Unileitung zu melden, beendete ich das Gespräch mit der Absprache für die Hausarbeit. Ich brauchte nur noch diesen einen Schein, um das Studium zu beenden. Und da ich mir das Studium komplett selbst finanzierte, wollte ich kein weiteres Semester dranhängen für diesen letzten Schein. Heute würde ich anders reagieren, aber hinterher ist man immer klüger.

Laut+Stark, die MeToo-Kampagne von Ministerin Anne Spiegel

Und nun kommt Anne Spiegel mit ihrer Aktion. Sie meint, man müsse jede Gelegenheit nutzen, die MeToo-Debatte um sexuelle Übergriffe weiterzuführen. “Die Verknüpfung der Adjektive ‘laut’ und ‘stark’ zeigt: Es geht um Mut und Selbstbewusstsein”, so die Ministerin. Mit ihrer Anfrage, ob ich Botschafterin ihrer Kampagne sein möchte, kamen die beiden Ereignisse, die nun schon bereits über 24 Jahre zurückliegen, in mein Gedächtnis zurück und ich überlegte mir, wie wohl meine nun 17-jährige Tochter in solchen Situationen reagieren würde. Ich kam zu dem Schluss, dass sie sich vermutlich auch nicht adäquat wehren würde. Denn auch sie ist eine sehr gut erzogene junge Frau mit viel Respekt vor anderen Menschen. Und ich dachte darüber nach, was ich tun könnte, damit sie sich im Fall des Falles doch wehren würde. Dieser Gedanke war noch nicht lange in meinem Kopf, als ich merkte, dass dies die völlig falsche Denkweise ist. Nicht meine Tochter soll ihr Verhalten verändern müssen, sondern die Menschen, die ungefragt übergriffig werden. Und ich schreibe hier mit Absicht „Menschen“, denn es werden ja nicht nur Männer übergriffig. Nicht nur Frauen werden Opfer sexueller Gewalt. Auch wenn sie in der Überzahl sind.

Die MeToo-Debatte muss weitergeführt werden

Die Fortführung der MeToo-Debatte ist äußerst wichtig, damit unsere Kinder, aber auch jüngere KollegInnen vor sexuellen Übergriffen zukünftig geschützt werden. Das, was mir passiert ist, ist vergleichsweise harmlos. Ich konnte es sehr gut verarbeiten. Es geht hier aber auch nicht um große oder kleine Vorfälle. Es geht hier darum, dass ein für alle Mal allen klar ist, dass jeder seine Griffel bei sich zu behalten hat – so lange es nicht im gegenseitigem Einverständnis passiert. Ich bin mir darüber bewusst, dass es auf diesem Weg viele Unsicherheiten geben wird – auch bei all denjenigen, die nichts damit zu tun – Männer und Frauen. Und so träume ich jetzt schon von einer Zeit, in der ein Kollege eine Kollegin wieder einfach in den Arm nehmen kann, wenn sie Trost bedarf – ohne verunsichert zu sein, ob man ihm das falsch auslegen könnte.

MeToo am internationalen Frauentag

Heute ist internationaler Frauentag. Er entstand als Initiative sozialistischer Organisationen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Es geht um die Gleichberechtigung, das Wahlrecht für Frauen sowie die Emanzipation von Arbeiterinnen. Er fand erstmals am 19. März 1911 statt. Heute können wir diesen Tag nutzen, um Kampagnen wie  „laut+stark“ der Presse vorzustellen. Und dann haben wir 364 Tage im Jahr, um für unsere Rechte zu kämpfen. Damit sollten wir nicht aufhören, bis der/die letzte begriffen hat, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind.

6 Kommentare
  1. Jörg Kuhnert sagte:

    Hallo, Frau Küll,

    ein guter Artikel! Schlimm, dass solche sexuellen Belästigungen ausgerechnet Ihnen passieren mussten. Sexuelle Übergriffe zeugen von wenig Respekt und Anstand im Umgang mit Frauen. Was geht in solchen Männern wohl vor? Gerade in solchen, von denen man aufgrund ihrer vermeintlich höheren Bildung auch mehr Anstand erwartet. Von sozialer Kompetenz nicht die Spur!

    Viele Grüße

    Jörg Kuhnert

    Antworten
    • Patricia Küll sagte:

      Lieber Herr Kuhnert,
      egal, wem es passiert, es wird Zeit, dass etwas dagegen getan wird.
      Deswegen unterstütze ich sehr gerne die Kampagne laut+stark.
      Lieben Dank für Ihr Feedback.
      Herzlich
      Patricia Küll

      Antworten
  2. Dominique Döttling sagte:

    Absolut muss jeder „seine Griffel für sich behalten“, liebe Patricia Küll! Aber da hört es noch nicht auf. Auch dem alltäglichen Sexismus, bei dem verbal Mädchen und Frauen abgewertet werden, muss laut+stark begegnet werden. Sei es, indem man nicht zuläßt, dass bei „netten“ und launigen Gesprächen stigmatisiert wird mit „typisch Frau“ und ähnlichen Floskeln, sei es, dass man kommentiert, wenn Frank Rosin in einem seiner Trailer mit der Bemerkung „Du würzt ja wie ein Mädchen“ einen jungen Mann am Herd zurechtweist. Zugegeben, ich würde so etwas auch am liebsten energiesparend „weglächeln“, befürchte aber, dass ich so die Stigmatisierung sogar legitimiere. Auch hier gilt: Nur wenn wir miteinander laut+stark entgegentreten, ändern wir die Welt!

    Antworten
  3. Peter Mayer sagte:

    Hallo Frau Küll,
    ein sehr wichtiges Thema, aber wissen Sie eigentlich, das Sie Frau Küll und Ihre Kolleginnen in einem öffentlichen TV-Moderatorinnen Forum, das von einem “Papa Paul” betrieben wird, jeden Tag auf ein neues auf ihr äusseres Erscheinungsbild reduziert werden? Ohne Respekt aber garniert mit jeder Menge Sexistischer Bemerkungen! In meinen Augen wäre da auch schon lange eine laute+starke Reaktion fällig, auch von Seiten Ihrer Arbeitgeber, wenn wir das ehrlich meinen, mit der MeToo-Debatte.

    Viele Grüße

    Antworten
    • Patricia Küll sagte:

      Lieber Herr Mayer,
      vielen Dank für Ihre Mail. Diese Seite ist mir nicht unbekannt. Ehrlich gesagt, bin ich da etwas ratlos, was man dagegen tun kann. Meine Kolleginnen und ich müssten gemeinsam laut&stark auftreten, aber ich kenne die Kolleginnen nicht mal. Mein Arbeitgeber kann schwer etwas dagegen tun, denn es gibt ja ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Es müssten mehr Kommentare von Seitens der Nutzer kommen. Aber damit ist die Verantwortung auch nur weggeschoben. Ich werde das Thema mitnehmen zum nächsten Treffen mit Ministerin Spiegel.
      Vielen Dank für Ihren Impuls, da doch etwas dagegen zu unternehmen. Wenn ich dort etwas poste, würden Sie es liken?
      Herzliche Grüße
      Patricia Küll

      Antworten

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