Da hast Du mich falsch verstanden

„Da hast Du mich falsch verstanden.“ Sagst Du das auch häufiger oder hörst es häufiger? Ich arbeite in einem Kommunikationsberuf, und dennoch höre ich das bei mir im Büro erstaunlich oft. Ich würde bei Kommunikationsproblemen eher sagen „Da habe ich mich falsch ausgedrückt“, denn wenn mein Gegenüber das, was ich gesagt habe, nicht richtig versteht, liegt das ja wohl eher am Absender als am Empfänger. Und selbst wenn nicht, ist der Fortgang des Gesprächs immer leichter, wenn man nicht dem anderen „die Schuld“ zuschiebt, sondern sie auf die eigene Kappe nimmt (wenn man hier überhaupt von „Schuld“ reden möchte). Leider höre ich ein „Da habe ich mich wohl falsch ausgedrückt“ nur sehr selten. Dabei kann man mit Ich-Botschaften jedes schwierige Gespräch, jede Diskussion ganz schnell entkrampfen. Beruflich wie privat. Wie Du Dir mit Ich-Botschaften das Leben ein Stückchen leichter machst – darum geht es heute in den Freutagsgedanken.

Ich-Botschaften nehmen den Dampf aus dem Kessel

Am letzten Wochenende war ich übermüdet (ich hasse die Zeitumstellung) und daher etwas dünnhäutig. Nach einigen lieblosen Antworten meiner Teenagertochter bekam ich auch noch eine ziemlich unzufrieden-stellende Antwort von meinem Mann, sodass ich wutschnaubend das Wohnzimmer verließ. Mein Mann mir hinterher – etwas verstört, weil er nicht wusste, was er falsch gemacht hatte. Früher hätte ich hier das große Fass aufgemacht: „Du tust NIE….“ oder „Du reagierst IMMER….“ Du kennst diese fruchtlosen, energieraubenden, ins Nichts führende Diskussionen bestimmt. Doch nach all den Ausbildungen und Reflektionen in den vergangenen Jahren diskutieren wir heute anders. Denn ich konnte ihm (immer noch etwas aufgebracht) sagen, dass ICH mir gewünscht hätte…., dass es bei MIR so und so ankam…., dass ICH jetzt das und das brauche. Ich-Botschaften haben den großen Vorteil, dass der andere nicht angegriffen und verletzt wird und man seine eigenen Bedürfnisse formulieren kann. Das ist deutlich zielführender. Nach wenigen Minuten hatte ich erklärt, was ich brauche, mein Mann hatte Verständnis dafür, weil er selbst nicht verletzt wurde. Nach zehn Minuten war der Vorfall durchgesprochen, die Emotionen raus, das Ganze vergessen. Ich-Botschaften machen Gespräche persönlicher und nehmen in der Regel den Dampf aus dem Kessel.

Mit Du-Botschaften kann man ein Gespräch eskalieren lassen

Doch leider sind Du-Botschaften privat wie beruflich weitaus verbreiteter. „Was bist Du denn heute so aggressiv?“, „Du könntest ruhig ein bisschen freundlicher sein“, „Du vergisst ständig etwas“. Du-Botschaften folgen oft nach einer Enttäuschung. Wir haben vom anderen eine bestimmte Reaktion oder ein bestimmtes Verhalten erwartet. Wenn das nicht kommt, dann lassen wir der Enttäuschung freien Lauf, indem wir den anderen mit einer Du-Botschaft kritisieren, abwerten oder auf die Weise eine Schuldzuweisung formulieren. Dabei tun wir so, als sei unsere Meinung die einzig Richtige. Dahinter steckt oft, dass man selbst verletzt wurde und nun will man zurück verletzen. Und das funktioniert oft auch recht gut. Denn kaum jemand reagiert auf Du-Botschaften offen und kooperativ. Im Gegenteil. Der andere geht dann oft selbst in die Offensive, reagiert mit Gegenangriff oder mit dem anderen Extrem: mit Rückzug und Schweigen. Mit Du-Botschaften kann man ein Gespräch in kürzester Zeit so richtig schön eskalieren lassen.

Ich-Botschaften wirken deeskalierend

Wenn Du also Interesse daran hast, dass ein Gespräch oder eine Diskussion mit Sinn und Ziel geführt wird, wenn Du willst, dass Deine Botschaften ankommen und wenn es nicht nur darum geht, Dein Gegenüber zu verletzten, dann probiere es einmal mit Ich-Botschaften. Denn Ich-Botschaften wirken eher deeskalierend. Mit Ich-Botschaften verurteilt man den anderen nicht, man greift ihn nicht an oder beschuldigt ihn. Dennoch kann man dem anderen mitteilen, wie sein Verhalten bei einem ankommen. Mit dem großen Unterschied, dass man bei einer Ich-Botschaft klar macht, dass diese Meinung subjektiv ist. Somit kann der Andere die Kritik annehmen oder eben auch nicht. Du-bist-Sätze sind zudem Zuschreibungen und machen die Person als Ganzes klein.

Wie formuliert man echte „Ich-Botschaften?

„Ich finde, Du könntest mehr Rücksicht auf mich nehmen“, ist keine echte Ich-Botschaft. Also wie formuliert man „echte“ Ich-Botschaften? Indem Du Deine Gefühle, Gedanken, Empfindungen und Bedürfnisse ausdrückst. Und zwar wirklich DEINE. Eine Aussage wie „Ich fühle mich von Dir missverstanden“ hört sich an wie ein Gefühl, ist aber eine Interpretation, denn woher weiß der Absender, ob der Empfänger einen wirklich missverstanden hat? Besser wäre: „Ich bin mit nicht sicher, ob ich das richtig rübergebracht habe“ oder „ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig ausgedrückt habe“.

Von der Du- zur Ich-Botschaft

Von der Du- zur Ich-Botschaft kommt man in wenigen kleinen Schritten. Als Erstes kommt es drauf an, seine Beobachtung auszudrücken – ohne sie zu bewerten. Wenn also zwei quatschen während man selbst einen Vortrag hält, könnte man sagen: „Euch hat mein Vortrag gar nicht interessiert.“ Wie wirkt das wohl auf die anderen? Man könnte aber auch sagen „Wenn Ihr Euch unterhaltet, während ich rede, wirkt das auf mich, als hättet Ihr kein Interesse“. Hört sich gleich ganz anders an, oder? Hier ist es außerdem sehr hilfreich, wenn man Zusätze wie „immer“, „nie“ oder „ständig“ vermeidet, denn Verallgemeinerungen helfen in kritischen Situationen nicht wirklich weiter.

Nach den Beobachtungen geht es um die eigenen Gefühle. Wie fühlt man sich, wenn der Andere sich verhält, wie er sich verhält? Hier ist es von Vorteil, wenn man tatsächlich Gefühle wie Unsicherheit, Irritationen oder Frust benennen kann. Hier gibt es viele fiese Fallen, denn angebliche Gefühl wie „missverstanden“, „täuschen“ oder „missbrauchen“ bewerten eher den Empfänger als dass sie die Gefühle des Absenders beschreiben.

Als Nächstes geht es darum, die eigenen Bedürfnisse auszudrücken. Denn wenn die eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt werden, entstehen negative Gefühle. Die negativen Gefühle entstehen nicht, weil sich der Andere so verhält, wie er sich verhält. Also nicht „Ich bin sauer, weil Ihr quatscht, während ich hier rede“, sondern: „Ich bin sauer, weil ich Eure Unterstützung und Aufmerksamkeit brauche, um den Vortrag richtig gut halten zu können.“

Abschließend gilt es eine „Brücke“ zu bauen, um die Kommunikation mit dem Anderen fortführen zu können. Diese „Brücke“ kann eine Bitte sein – besser keine Forderung. Also „bitte schenkt mir Eure Aufmerksamkeit, damit ich hier mein Bestes abliefern kann“.

Je häufiger wir Ich-Botschaften formulieren, desto leichter fallen sie uns

Manchmal braucht man für Ich-Botschaften auch Mut, denn man offenbart seine eigenen Gefühle. Dafür ist man aber auch offener für die Gefühle und Perspektiven des Gegenübers. Das nährt Vertrauen und schafft Nähe. Dennoch gebe ich zu, dass Ich-Botschaften nicht immer ganz leicht sind. Aber die Übung macht den Meister. Je häufiger wir Ich-Botschaften formulieren, desto leichter fallen sie uns.

Um von Du- zu Ich-Botschaften zu kommen, braucht es etwas Achtsamkeit. Wie du die lernen kannst, liest Du hier:

 

2 Kommentare
  1. Bianca sagte:

    Hallo…..genau dies habe ich vor einiger Zeit versucht..eine Diskussion, ein Gespräch, das in eine vollkommen falsche Richtung lief, mit Ich-Botschaften und dem mitteilen meiner Sichtweise, meiner Gedanken und auch dem Einräumen meiner Fehler und dem Zollen von Respekt vor der Meinung des anderen, gerade zu biegen. Leider ging das gründlich schief….. und kam noch mehr falsch an und das Resultat war SCHWEIGEN und Kontaktabruch. Mir bleibt nur zu akzeptieren, verstehen kann ich nicht. Schade……. Mein guter Wille war da, nur wenn der Gegenüber etwas FALSCH verstehen WiILL, nutzen leider auch keine wohlformolierten ICH-Botschaften mehr…..Aber ich werde versuchen, in anderen Gesprächen trotzdem daran zu denken!! Danke für die tollen Freutagsgedanken!! Viele Grüße, Bianca Hammann

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    • Patricia Küll sagte:

      Liebe Bianca,
      ja, auch das gibt es leider. Im Coaching sagen wir: man kann niemanden zum Jagen tragen. Wer nicht mag, der mag nicht. Wer nicht abgeholt werden will, der muss stehen gelassen werden. Es ist nicht immer leicht, das zu akzeptieren. Ich musste das erst lernen. Dennoch gibt es glücklicherweise viele Beispiele, bei denen Ich-Botschaften das Ziel erreicht haben. Also unverzagt weitermachen;-)
      Herzlich grüßt Sie
      Patricia Küll

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