Freizeitstress oder: sind wir eigentlich alle irre?

Freizeitstress oder: sind wir eigentlich alle irre?

In dieser Woche bekam ich eine Mail von einer Bekannten, die ich sehr schätze. Sie ist sehr kreativ, bastelt Karten und strickt Socken. In ihrer Mail schrieb sie mir unter anderem, dass sie sich in der Vorweihnachtszeit wieder ziemlich viel Stress antue, um alle Lieben mit Selbstgemachtem zu beschenken. Ähnliches habe ich diese Woche schon einmal gehört. Bei einer Veranstaltung mit Nicole Staudinger. Die Autorin hat das Buch „Stehaufqueen“ geschrieben. An diesem Abend erzählte sie, wie sich Bekannte im Vorfeld der Kommunion der Kinder darüber beklagten, wie wahnsinnig stressig und anstrengend diese Tage seien. Und dass sie, Nicole Staudinger beim besten Willen nicht verstehen könne, warum wir uns über vieles, was uns eigentlich Freude bereiten sollte, beklagen. Nicole Staudinger sprach mir quasi aus der Seele, denn mir geht es ähnlich. Warum freuen wir uns nicht über Familienfeste, sondern versauen sie uns? Wegen Ansprüche, denen wir glauben, gerecht werden zu müssen? Dazu heute ein paar entspannte Gedanken in den Freutagsgedanken.

Selbstgemachter Freizeitstress – darin sind viele richtig gut

Die einen backen 30 Sorten Plätzchen in der Vorweihnachtszeit, die anderen stricken für alle warme Socken und wieder andere putzen das Haus von oben bis unten, bevor die Verwandtschaft kommt. Das Ergebnis ist immer toll. Viele leckere Plätzchen. Viele kuschelige Geschenke. Und ein vorzeigbares Haus zum Angeben. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite: PlätzchenbäckerInnen, HandarbeiterInnen und Putzteufelchen, die müde und genervt am Familienfest teilnehmen. Warum machen wir sowas?

Wie wär es mit guter Stimmung statt Freizeitstress?

Die Bekannte, die mir diese Woche die Mail geschrieben hat, könnte sich doch auch einfach freuen, dass sie so viel Freude an ihrem Hobby hat und nur so viele Karten und Socken basteln, wie es ihr gut tut. Alle anderen bekommen eben ein gekauftes Geschenk. Dann hätte sie an Heilig Abend ebenfalls für alle ein Geschenk, wäre aber nicht gestresst und wäre dank ihrer glänzenden Laune noch ein Zusatzgeschenk für alle anderen. Das Gleiche gilt für die fleißigen PlätzchenbäckerInnen und Putzteufelchen (ich putze übrigens mittlerweile immer NACH dem Besuch. Davon habe ich deutlich mehr. Denn ich lade mir ohnehin nur noch Gäste ein, die nicht kritisch hinters Sofa gucken, ob da vielleicht Staub liegt). Alle machen nur so viel, wie es noch Freude bereitet. Dann ist Schluss. Dann ist keiner gestresst, alle gut gelaunt und Familienfeste werden so viel netter, weil man entspannt den einen oder anderen dummen Satz von der lieben Verwandtschaft ganz leicht wegatmen kann, ohne gleich scharf zu antworten.

Manchmal ist es zu spät zum Genießen

Das ist Dir zu einfach? Dann erzähle ich Dir, wie die Geschichte von Nicole Staudinger weiterging. Die Kölnerin ist auch Autorin des Buches „Brüste umständehalber abzugeben“. Ein lustiger Titel für eine schlimme Zeit. Nicole Staudinger hatte Brustkrebs – mit Anfang 30. Sie blickt auf das Leben seitdem verständlicherweise ein wenig anders. Vier Wochen nach dem Gespräch der Bekannten, das im Vorfeld der Kommunion der Kinder ablief, bekam sie einen Anruf von einer der Frauen. Sie lag im Krankenhaus. Mit Krebs, der bereits großflächig gestreut hatte. Kurze Zeit später war die Frau tot und hinterließ zwei Jungs. Was glaubst Du, wie gern hätte diese Frau die Kommunion ihres Sohnes noch einmal erlebt und wie sehr hätte sie jede Minute genossen?

So schwer ist das mit dem Genießen gar nicht

Warum können wir das Leben, das uns so viel Schönes bietet, nicht einfach genießen, anstatt uns verrückt zu machen wegen dies und jenes? Warum müssen wir auf die Frage „wie geht es dir?“ antworten „Die Vorweihnachtszeit/ die Kommunion/ der runde Geburtstag ist so anstrengend, an was ich alles denken muss und tun muss. Schrecklich. Ich wünschte, es wäre schon vorbei.“ Warum können wir nicht antworten „Mir geht es gut. Ich freue mich, meine Lieben mal wieder zu sehen. Es gibt nur Kartoffelsalat und Würstchen, aber die kommen ja nicht zum Futtern zu mir, sondern damit wir mal wieder so richtig viel Zeit für uns haben.“

Am Samstag macht sich mein Mann mal Freizeitstress

Beispiele, in denen wir uns in unserer Freizeit unnötigen Stress machen, gibt es unzählige. Gerade heute morgen beim Frühstück sagte mein Mann: „Der Tag morgen wird hart. Erst 5 Stunden Chorprobe und dann noch Fußball.“ Ich war wirklich einen Moment sprachlos. Um ihm dann die Alternativen aufzuzeigen. Dass – wenn er einen entspannten Samstag haben wolle – er beides absagen könne. Oder eins von beiden. Es ist seine Entscheidung, zu beiden Terminen zu gehen. Und es liegt in seiner Entscheidung, es nicht zu machen. Und es liegt in seiner Entscheidung, wie er auf diesen Tag blickt.

Klagen über Freizeitstress scheinen schick zu sein

Manchmal habe ich den Eindruck, in unserer Gesellschaft darf man keinen Spaß mehr haben. Irgendwie scheint es schicker zu sein, wenn man sich beklagt, als wenn man bekennt, dass man sich zwar gerade ein wenig viel auf die Hörner genommen hat, aber dass das Leben trotzdem Spaß macht. Jammern ist echt im Trend. Ob im Job oder privat.

Raus aus dem Jammertal

Ich glaube ja, dass es möglich ist, seine Freizeit viel öfter einfach zu genießen – ohne zu jammern. Dazu müssten wir uns nur mal wider vor Augen führen, was uns wirklich wichtig ist. Wie sollten in unserer Freizeit keine to-do-Listen abstreichen, sondern ganz bewusst genießen, was wir uns da freiwillig antun. Oder damit aufhören. Nicole Staudinger hat es mit ihrer Geschichte so schön auf den Punkt gebracht: Das Leben ist endlich. Deswegen: Tu doch wenigstens in deiner Freizeit das, was Dir Spaß macht. Aber nur so lange, wie es Dir Spaß macht.

In diesem Sinne: Ich freue mich auf mein Wochenende. Mein Mann ist den ganzen Samstag aus dem Haus. Ich werde mit den Kindern Plätzchen backen und schon mal die Weihnachts-CDs auspacken. Und wenn es uns packt, werden wir sie auch schon mal anhören. Laut. Sehr laut. Meine to-to-Liste sieht zwar noch etliche Dinge mehr vor. Mal sehen, wozu ich Lust habe.

Bild: pixabay/Vivienviv0

6 Kommentare
  1. Norbert Gillmann sagte:

    Liebe Frau Küll, Ihr Beitrag gefällt mir sehr gut.
    Es ist wirklich von großer Bedeutung, dass wir schon in jüngeren Jahren (auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen) darauf achten uns nicht zu überfordern und dies speziell in unserer Freizeit. Freizeit ist begrenzt und daher wertvoll.
    Jeder kann sich einiges (manchmal auch zu gleichen Zeit) vornehmen, doch will auch gut überlegt sein, zu was er/sie sich am Ende entscheidet. Alles zusammen oder sich ganz einfach zu viel zuzumuten, das geht nicht.
    Wir leben in einer Zeit der Extreme. Wahrscheinlich gibt es auch genau den Gegentypus zum Freizeit-Stressmenschen. Solche, die nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen und diese oft nutzlos (ohne eigenen Gewinn und Spaß) verbringen.

    Bei aller Erkenntnis, wahrscheinlich würde ich in den gleichen Entscheidungskonflikt geraten, wie Sie das für dieses Wochenende bei Ihrem Ehemann schildern. Manchmal lässt sich so etwas nicht abbiegen, aber es sollte nicht häufig der Fall sein.

    Ich wünsche Ihnen ein schönes und erholsames Wochenende.

    Norbert Gillmann

    Antworten
    • Patricia Küll sagte:

      Lieber Herr Gillmann,
      vielen Dank für Ihr Feedback und Ihren Eindruck.
      Mein Mann durfte sich am Samstagabend auf der Couch vom freizeitstress erholen;-)
      Ihnen eine gute Woche.
      Herzlich
      Patricia Küll

      Antworten
  2. Marlies Heiner sagte:

    Ja, liebe Frau Küll,

    es gibt eine Menge Dinge, die man nicht in den letzten Tagen vor Weihnachten erledigen muss. Einen Teil dieser Dinge habe
    ich in diesem Jahr schon recht früh erledigt, und das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich denke, dass es auch wichtig ist, das, was
    zu erledigen ist, so schnell wie möglich zu tun und nicht “auf die lange Bank” zu schieben. Ihre Freutagsgedanken können sehr
    hilfreich sein. Herzlichen Dank dafür.
    Auch für die wunderbaren Gedanken zum Thema “Dankbarkeit” bin ich sehr dankbar. Beim Lesen ist mir immer mehr bewusst
    geworden, wie oft es einen Grund gibt, dankbar zu sein, gerade auch in den Wochen vor Weihnachten, in der eben niemand “Zeit”
    hat. Es gibt im alltäglichen Geschehen sicher viele Möglichkeiten für ein freundliches “Danke”.
    “Danke”, Ihnen, liebe Patricia Küll, und liebe Grüße
    Marlies Heiner

    Antworten
    • Patricia Küll sagte:

      Liebe Frau Heiner,
      ich danke Ihnen für die lieben Zeilen. Darüber habe ich mich sehr gefreut.
      ich beginne mit meinen Weihnachtsvorbereitungen meist schon Anfang November, damit ich
      diese Wochen auch genießen kann. Nur beim Plätzchenbacken bin ich eine Versagerin;-)
      Habe es am Samstag zu einer Sorte und 2 Blechen geschafft. Am Sonntagabend hatten wir
      alle aufgefuttert. Mal schauen, ob ich kommenden Samstag nochmal eine Sorte schaffe.
      Ihnen wünsche ich eine gute (Vorweihnachts)zeit.
      Herzlich
      Patricia Küll

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