Erster Urlaubstag in der Türkei. Wir frühstücken im Freien. Wie herrlich. Es ist Ende Oktober. Doch dann ein Grollen und Rumpeln am Himmel. Man kann gar nicht so schnell schauen wie sich der Himmel verfinstert und mit einem Mal ist es so als würden sich die berühmten Schleusen am Himmel öffnen. Alles flüchtet sich ins Hotel. Wir laufen gar nicht erst los. Unser Zimmer liegt nicht im Haupthaus, es sind ein paar Minuten Fußweg. Wir würden pudelnass dort ankommen. Da sitzen wir nun und können nicht weg vom Frühstückstisch. Und was tue ich? Ich genieße es. Denn ich kann nichts anderes tun als zu sitzen, mit meiner Familie zu quatschen, dem Treiben ringsherum in völliger Ruhe zuzusehen. Ich hole mir meinen Sohn auf den Schoß. Beschmuse ihn. Wir machen Späße und lachen darüber, wie die anderen durch den Regen rennen und klatschnass werden.

 

Ich entschleunige gerade.

 

Dazu passt es, dass ich diese Ferien detoxe. Was heißt das, will mein Achtjähriger wissen. Ich entgifte. Ich verzichte auf Handy und Kaffee. Und bin erstaunt, wie leicht es mir fällt. An jedem Eck dieses Hotels stehen wunderbare Kaffeevollautomaten. Ich müsste nur hingehen, ein Knöpfchen drücken und hätte den schönsten Latte Macchiato, der mir den Urlaubstag noch ein bisschen urlaubiger machen würde. Aber es ist gar nicht nötig. Ich habe auch so ganz viel Urlaubsgefühl in mir. Ich kann meinem Körper den Kaffee ersparen, den ich an manchen Tagen zu Hause brauche, um bis abends durchzuhalten.

 

Vielleicht kommt dieses Urlaubsgefühl auch daher, weil mein Handy nicht ständig piepst. Ich habe es zwar dabei, aber es ist auf offline geschaltet. Ich kann also Fotos damit machen, aber es kommen keine Mails und keine Whatsapp-Nachrichten an. Wie unglaublich beruhigend das ist. Wie zeitsparend. Ich habe nicht ständig das Gefühl, irgendjemand will was von mir und ich müsste sofort antworten. Ich weiß nichts von dem, was andere gerade von mir wollen.

 

Als ich am Abend meine Mails dann doch checke, weil ich einige Projekte am Laufen habe, die Entscheidungen von mir benötigen, merke ich, wie sehr mich das aus meinem Gleichgewicht bringt. Aus meiner Ruhe. Die Welt zerrt schon wieder an mir und ich lasse sie an mir zerren. Kein gutes Gefühl. Schnell beantworte ich die wichtigsten Mails, lasse die anderen – sogar ungelesen – einfach dort, wo sie gerade hingehören. Im Mailaccount.

 

Am Nachmittag hält mir ein Mann auf dem Weg vom Hotel zu meinem Zimmer eine Türe ins Freie auf. Es regnet schon wieder. Er meint: „Und sowas soll ein Sommerurlaub sein.“ Ich kann nur antworten: „Dann muss die Sonne wohl von uns heraus kommen.“ Und das geht. Es ist nur eine Frage der Betrachtung. Natürlich wäre es mir jetzt lieber, bei 25 Grad am Strand zu liegen. Aber es ist auch nicht schlechter, mit meinen Kindern im Schwimmbad rumzutoben und einfach Zeit zu haben. Bei schlechtem Wetter hat man im Urlaub irgendwie viel mehr Zeit, weil man nicht immer glaubt, man könnte irgendwo was verpassen. Ich finde das heute und im Moment gut so.

 

Beim Essen haben wir jetzt mehrfach eine Familie beobachtet, die ihre ungefähr drei Jahre alte Tochter still halten, indem sie das ganze Essen über mit einem rosafarbenen Kopfhörer auf dem Kopf Filme schauen darf. Das ganze Essen über. Bei jedem Essen. Und wenn das Essen fertig ist, wird die Kleine samt Kopfhörer und Laptop in den Buggy gesetzt, wo sie weiter Filme sieht. Ich kann Eltern gut verstehen, die beim Essen auch mal ihre Ruhe haben wollen. Aber wird dieses Kind jemals im Hier und Jetzt leben? Wird sie jemals mitbekommen, was rund um sie passiert, wenn sie schon als Kleinkind lernt, nur in elektronisches Spielzeug zu starren? Und um an dieser Stelle mal einen frevelhaften Gedanken loszuwerden: wenn dieses Mädchen mal ein bisschen wilder wird, dann wird irgendein Arzt vermutlich ADHS bei ihr diagnostizieren und dann wird sie mit Ritalin still gehalten. Wäre nicht verwunderlich, aber so negative Gedanken will ich hier eigentlich gar nicht verbreiten.

 

Die Wetterapp sagt, dass das Wetter am Sonntag besser wird und am Montag richtig schön. Am Dienstag ist unser Urlaub hier vorbei. Vielleicht geht mir bis dahin der Regen auch auf die Nerven, aber wir hatten gestern und heute bereits einige Minuten Sonnenschein, die ich doppelt genossen habe. Und ich erfreue mich an meinen Kindern, wie sie voller Schwung und ohne dass ihnen die Kräfte ausgehen, immer wieder ins Schwimmbecken springen, wie sie neue Freunde finden und wie sie auf Fremdes hier in der Türkei reagieren (als zum Beispiel vorhin der Muezzin zum Gebet rief). Und ich freue mich über mein Gefühl, nichts zu verpassen und nicht tun zu müssen. Außer mich – ohne Sonne, ohne Kaffee und ohne Handy – an meinem Urlaub zu erfreuen. Wie herrlich.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.