Stellen Sie sich mal vor, es gäbe Hochwasser und Ihr Haus würde überschwemmt werden. Sie retten sich und Ihre Familie in den 1. Stock Ihres Hauses. Und schauen über Stunden zu, wie das Wasser immer weiter steigt und weiter und weiter. Bis die gesamte untere Etage überflutet ist. Würde Ihnen in diesem Moment irgendwas einfallen, wofür diese Katastrophe gut sein könnte? Ganz ehrlich: mir nicht. Ich würde verzweifeln. Und abwechselnd jammern und weinen.

Dass man auch eine solche Katastrophe positiv betrachten kann, habe ich heute gelernt, als ich meinem Achtjährigen die Gutenachtgeschichte vorgelesen habe. Wir lesen gerade die „Mumins“. Das sind merkwürdige Wesen, die ein bisschen aussehen wie Nilpferde und die mit anderen noch merkwürdigeren Wesen zusammen leben. Auf jeden Fall müssen die Mumins eines Tages eine solche Flutkatstrophe erleben. Und was machen sie, als sie so im oberen Stockwerk ihres Hauses mitanschauen müssen, wie in der unteren Etage die Küche und ihr Salon mit all den hübschen Salonmöbeln geflutet wird? Sie bohren ein Loch in  den Parkettboden, weil es doch ganz bestimmt etwas Wunderbares ist, wenn sie sich die unteren Zimmer mal von der Decke aus anschauen können. Wann bietet sich schon mal eine solche Gelegenheit?

Perspektivenwechsel

Ist das nicht eine wunderbare Idee? Die Katastrophe nutzen, um einen Perspektivenwechsel herbei zu führen. Sicherlich sind die Mumins  richtige Lebenskünstler. Aber auch wenn wir eine Überflutung unserer Häuser nie für einen solch geänderten Blickwechsel nutzen könnten, weil wir viel zu sehr mit Jammern beschäftigt wären, können wir die Mumins trotzdem zum Vorbild nehmen. Wir könnten versuchen, kleinere Krisen zu nutzen, um alles einmal aus einer geänderten Sichtweise zu betrachten.

Als der Wasser-Überlaufschutz der Waschmaschine aus unerfindlichen Gründen seinem Namen überhaupt keine Ehre machte und das halbe Badezimmer unter Wasser stand, fluchte ich erst. Denn um alles Wasser richtig aufwischen zu können, muss man drei Schiebetüren, hinter denen die Waschmaschine und ein Regal versteckt sind, aushängen und die Bodenschiene abmontieren. Also einfach viel zusätzliche, unnütze Arbeit, worüber man schon mal schimpfen kann, zumal ich mich eigentlich auf einen ruhigen Leseabend gefreut hatte. Als ich aber sah, wie verstaubt das ganze Eck hinter den Schiebetüren war, fand ich die unvorhergesehene Putzaktion gar nicht mehr schlimm. Da hätte man längst mal putzen müssen.

Nicht ärgern – genießen

Am vergangenen Wochenende wollte mit meiner ganzen Familie ein schönes Weihnachtswochenende in München verbringen.  Als wir am Freitagnachmittag pünktlich am Bahnhof in Mainz eintrafen, hatte unser Zug neunzig (!) Minuten Verspätung. Wir würden also mit beiden Kindern erst mitten in der Nacht in München ankommen und mussten nun zu den vier Stunden Zugfahrt noch zusätzlich eineinhalb Stunden warten. Natürlich habe ich erst wieder geschimpft wie ein Rohrspatz. Doch dann kam schnell die Frage auf: was nutzt es zu schimpfen und zu zetern? Der Zug wird dadurch keine Minute früher kommen. Ich versaue aber uns allen die gute Laune. Also musste ganz schnell ein Perspektivenwechsel in meinem Kopf her. Und es war tatsächlich gar nicht so schwer, die Situation positiv zu sehen. So konnte ich endlich mal mit meinen Kindern in dem In-Café sitzen, in das meine Teenagertochter so gerne geht. Wir bestellten uns riesige Tassen mit Kakao und Lebkuchen-Sahne für ein irrsinniges Geld. Aber es war gut. Wir saßen trocken und warm und der Kakao schmeckte nach Weihnachten. Was für ein Beginn eines Advents-Wochenendes.

Dachschaden mit Folgen

Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich mich über solch ungeplante Einbrüche in mein sorgfältig geplantes Leben furchtbar aufregen. Und hatte große Schwierigkeiten mich wieder abzuregen. Noch vor ein paar Jahren hätte ich mich bis München über die Verspätung geärgert. Heute krieg ich mich schnell wieder ein.

Selbst bei größeren Katastrophen gerät mein Ärger-Pegel nicht mehr in den tiefroten Bereich. Das konnte ich in diesem Monat feststellen. Meine Nachbarn und ich haben einen Dachschaden. Wir haben alle Flachdächer und die sind wohl extrem Witterungs-anfällig. Was wir alle nicht wussten, als wir die Häuser vor rund dreizehn Jahren kauften. Auf jeden Fall hat jetzt die Hälfte von uns einen größeren Schaden am Dach und es kommen pro Haus geschätzte  dreißigtausend Euro Reparaturen auf jeden von uns zu. Natürlich sind alle Regressansprüche bereits verjährt und es gibt keine Versicherung, die für einen solchen Schaden aufkommen würde. Ärgerlich. Sehr ärgerlich. Aber mal ehrlich: was ändert es, wenn ich mich ärgere? Nichts. Absolut nichts. Ich kann es genauso gut lassen. Und ich sage das nicht, weil ich das Geld auf dem Konto liegen habe. Nein, habe ich nicht. Wir wissen noch nicht genau, wie wir es finanzieren. Aber ärgern lohnt sich trotzdem nicht.

Mensch ärger Dich nicht

Ganz ehrlich: würde ich mir mit jeder Minute Ärgern einen Euro verdienen, würde ich mich wochen- und monatelang schwarz ärgern. Aber dem ist ja nicht so. Ich versaue mir nur die Zeit, die ich nutzen könnte, um trotz Dachschaden mit meinen Kindern Spaß zu haben. Wir haben jetzt ein Spiel begonnen: was wir alles einsparen können, um den Dachschaden zu bezahlen.

Dabei kam es heute zu folgendem Gespräch mit meinem achtjährigen Sohn:

Ich: „Kannst Du nicht auch Kiefernorthopäde werden wie der Arzt, der deine Schwester behandelt. Der verdient echt unglaublich viel Geld, dafür dass er deiner Schwester alle sechs Wochen drei Sekunden in den Mund schaut.“

Mein Sohn schaut angeekelt und schüttelt den Kopf: „Ne, warum sollte ich?“

Ich: „Weil wir dann alle für alle Zeiten keine Geldsorgen mehr hätten.“

Darauf er: „Meinst du denn, dass wir dann immer noch einen Dachschaden haben?“

Da musste ich laut lachen. Und Lachen bringt bei kleineren und größeren Katastrophen so viel mehr als Ärgern. Manchmal muss man nur mal die Katastrophe von oben betrachten. Und auch das war ein schöner Nebeneffekt unseres Dachschadens: ich war nun schon zweimal auf unserem Dach und fand den Ausblick auf die anderen Häuser sehr inspirierend. Vielleicht sollte ich im kommenden Sommer meine Blogeinträge da oben schreiben. Da kommen mir bestimmt viele gute Ideen.

Ihnen wünsche ich bei Ihrem Perspektivenwechsel viel Erfolg. Vielleicht fangen Sie ja an Weihnachten schon mal an, dieses Fest aus einem anderen Blickwinkel zu sehen – vorausgesetzt, Sie finden Weihnachten nicht so richtig prickelnd. Wie könnte das ausschauen? Ich freu mich auf Ihre Antworten!

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