Plädoyer für ein Leben vor dem Tod

Plädoyer für ein Leben vor dem Tod

Am Mittwoch war ich mit einem Kamerateam in Ludwigshafen bei der Eröffnung des Filmfestivals Ludwigshafen. Der Eröffnungsfilm hat den Titel „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden“. Eine verdammt gute Frage. Aber die Frage, die ganz am Schluss des Filmes an Gott gestellt wurde, fand ich noch viel interessanter: „Warum hast du eigentlich den Tod erfunden? Das Leben funktioniert doch auch ohne.“ Die Antwort lautet: „Weil ihr Menschen sonst immer alles verschieben würdet.“

Gehörst Du auch zu den Menschen, die immer alles Schöne verschieben und darauf warten, es sich irgendwann später richtig gut gehen zu lassen? Die Freutagsgedanken heute sind ein Plädoyer fürs Leben vor dem Tod.

Für welches Leben hebt man Sachen eigentlich auf?

Mein Vater hatte immer einen ganz neuen Pyjama in seinem Schrank. „Für Notfälle“. Falls er mal ins Krankenhaus musste. Zuhause lief er oft mit ganz ollen Schlafanzügen rum. Meine Mutter hätte sich bestimmt gefreut, wenn er sich auch mal für sie „in Schale geworfen“ hätte. Den neuen, „guten“ Schlafanzug hat er übrigens nie gebraucht. Als er ins Krankenhaus kam, ging alles so schnell, dass keiner an den neuen Pyjama im Schrank dachte. Und 24 Stunden später war er tot.

Meine Oma hatte – als ich ihre Wohnung ausräumte, weil sie mit hochgradiger Demenz ins Heim musste – Berge von neuer Bettwäsche und Handtüchern. Die waren nicht für sie bestimmt. Die hatte sie aufgehoben für Besuch. Der nie kam.

Viele von uns haben etwas im Schrank, das „für gut“ bestimmt ist. Die teure Seidenwäsche für den tollsten Mann der Welt. Wenn er denn einmal kommt. Ein tolles Kleid, das aber nur für ganz besondere Anlässe aus dem Schrank geholt wird. Leider gibt es von diesen Anlässen viel zu wenige. Und so kann es geschehen, dass man „rauswächst“, noch bevor man es einmal getragen hat. Das außergewöhnliche Parfum, das viel zu teuer war, als dass man es jeden Tag benutzen könnte.

Das gute Leben muss warten

Doch warum nur heben wir alles schöne und teure für Zeiten auf, die nicht JETZT sind, sondern IRGENDWANN? Warum können wir in dem tollen Kleid nicht mal abends in das Weinlokal ums Eck gehen? Es könnte ja sein, dass wir gerade von einer besonderen Veranstaltung kommen und deswegen das Kleid noch tragen? Das als Erklärung für andere – und vielleicht für uns selbst. Wenn man eine solche Erklärung braucht, um mal an ganz normalen Tagen was Besonderes zu tragen. Wir könnten es aber auch einfach so tun – ohne Erklärung. Einfach weil wir Lust dazu haben und das tolle Kleid im Schrank hängen haben. Und warum können wir das teure Parfum nicht im Büro auftragen? Dann riecht es wenigstens und „verduftet“ nicht im schönen Flakon – ohne benutzt worden zu sein.

Leben kann nicht aufgeschoben werden – weil es dann vielleicht zu spät ist

Ich hebe nichts mehr für „gut“ auf. Weil ich nicht weiß, ob diese guten Zeiten überhaupt kommen. Meine kleine Schwester ist mit 44 Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Von jetzt auf nachher war sie nicht mehr da. Glücklicherweise war sie nicht der Typ, der Schönes auf „später“ verschob. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten lebte sie ihr Leben: sie lachte viel und liebte mit einem großen Herzen.

Meine älteste Freundin bekam vor 6 Wochen die Diagnose „Brustkrebs“. Wochenlang bangten und zitterten wir. Jetzt wissen wir, dass sie daran nicht sterben wird, weil der Krebs früh genug erkannt wurde. Aber auch das hat mir wieder mal vor Augen geführt, wie schnell alles vorbei sein kann.

Leben im Heute

Es ist gut, dass das Leben nicht ewig währt. Weil wir dann vermutlich noch mehr auf morgen verschieben würden. Nur warum verschieben so viele so vieles auf morgen, obwohl wir wissen, dass wir sterben müssen? Und zwar oft viel früher als erwartet.

Deswegen: Verschiebe nichts auf irgendwann.

Feiere die Feste, wie sie fallen. Lache. Genieße. Liebe. Treffe Deine Freunde. Tanze barfuß im Sand. Übernachte im Freien. Treib es bunt. Lerne Dein Leben lang. Suche den Schatz unter dem Regenbogen. Reise. Probiere Neues aus. Rede mit den Menschen. Verbinde Dich mit den Menschen. Sei dankbar. Sei achtsam. Iss gesund. Iss mit Genuss. Schlafe ausreichend. Treibe Sport. Trenne Dich von Energieräubern. Sammele Muscheln im Urlaub. Probiere neue Rezepte aus. Ärgere Dich nicht. Heule bei Liebesromanzen. Starre in den Sternenhimmel. Pflege Freundschaften. Kuschel mit Deinen Liebsten. Ändere, was Dich ärgert. Mache Fehler. Sei nett zu anderen. Sei tolerant zu anderen. Umarme Bäume (ok, das muss man nicht tun). Spiele. Singe. Musiziere. Gehe ins Theater. Faulenze. Lese gute Bücher. Falle und stehe wieder auf. Mach, was Dir Freude macht. Jetzt. Heute. Sofort. Nicht morgen oder irgendwann. Dann könnte es zu spät sein.

P.S. Die LandesArt über das Filmfestival Ludwigshafen wird übrigens morgen, Samstag, 25.08.2018 um 18:15 Uhr im SWR Fernsehen ausgestrahlt.

Und hier geht es zum Programm des Festivals des deutschen Films in Ludwigshafen:

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