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Weg damit?

Marie Condo ist in aller Munde und auch ich habe natürlich bereits von der Ausmist-Supergöttin gehört, auch wenn ich noch keine Folge ihrer erfolgreichen „Das-muss-alles-weg“-Serie gesehen habe. Aber ich weiß, dass man sich bei seinen Sachen, die man entsorgt, bedanken soll, um dann das, was bleiben darf (und bleiben darf nur das, was einen glücklich macht), zu rollen und stehend in den Schrank zu packen (hier versagt meine Phantasie, denn ich kann mir nicht vorstellen, wie meine T-Shirts im Fach des Kleiderschranks zum Stehen kommen. Ich muss wohl doch mal in die Serie reinschauen). Warum ich am Ostermontag um sieben Uhr aufgestanden bin, um auszumisten, hat nun allerdings nichts mit Marie Condo zu tun, sondern mit einem ganz anderen Erlebnis. Darüber, was Ausmisten mit der Seele macht und wo wir meiner Meinung nach viel zu schnell „weg damit“ sagen – darum geht es heute in meinen Freutagsgedanken.

Ausmisten? Fehlanzeige! Das ganze Haus war vollgestopft mit Sachen

Vor einigen Monaten ist meine Schwiegermutter gestorben. An Ostern trafen sich die Geschwister noch einmal in ihrem Haus, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Was geschieht mit dem Haus und vor allem, was passiert mit dem Inhalt? Während die Geschwister diskutierten, durften meine Kinder und ich durch das Haus laufen mit der „Aufgabe“, mitzunehmen, was gefällt. Für meine beiden Kids ein tolles Event. Statt Ostereier suchen, Schätze suchen. Und Schätze gab es genug. Auf drei Etagen. Meine Schwiegermutter war ein sehr großzügiger Mensch. Sie schenkte immer reichlich und sammelte offensichtlich auch gern. Denn das ganze Haus war vollgestopft mit Sachen aus 50 Jahren, die sie in diesem Haus verbracht hatte. Unzählige Dinge fanden den Weg ins Haus und nur ganz wenige wieder raus. Nach ihrem Tod was es nun die Aufgabe der vier Kinder das Haus auszumisten. Meine Hilfe war ehrlich gesagt gering, denn ich hatte gleich zu Beginn der „Schatzsuche“ sehr deutlich gemacht, dass jedes meiner Kinder nur ein Stück mitnehmen dürfe (wohl wissend, dass sie mich auf mindestens drei pro Kind hoch treiben werden, was dann auch der Fall war). Beim Durchlaufen der einzelnen Zimmer, beim Betrachten der vielen Erinnerungsstücke, beim Sichten der unzähligen Tassen, Gläser, Teller, Vasen, Flaschen, Krügen, Schüsseln und ich weiß nicht was alles beschlich mich Beklemmung und ich meinem Kopf formte sich ein einziger Satz: „Das will ich meinen Kindern nicht zumuten, wenn ich mal nicht mehr bin.“

Aufstehen und ausmisten

Das war das ausschlaggebende Moment, warum ich am Ostermontag, nachdem wir wieder zu Hause waren, um sieben Uhr in der Früh aufstand und anfing auszumisten. Meine Küche ist ohnehin nicht groß, aber selbst dort hatte ich es geschafft, Geschirr zu lagern, das ich seit Jahren nicht mehr in der Hand hatte. Nicht das schöne Geschirr meiner Mutter, sondern alles mögliche Zeug, das „man mal nehmen könnte, wenn wir chinesisch, spanisch oder sonst was kochen“. Wir haben zwischenzeitlich durchaus chinesisch oder spanisch gekocht, aber dann doch immer das Alltagsgeschirr genommen, weil es viel zu aufwändig war, das andere Geschirr von hinten, oben, untern rauszusuchen und vorher nochmal zu spülen. Also habe ich mich von all dem getrennt. Und von der halben Hausbar auch. So viele geschenkte Flaschen Spirituosen, die meine Familie und auch kein Gast, den wir bislang hatten, trinken wollte. Das Ausmisten an sich ist nicht die Arbeit, die fängt in meinen Augen immer erst danach an. Denn ich kann diese ganzen Dinge, die ja an sich noch völlig in Ordnung sind, nicht einfach in den Müll schmeißen. Das sind alles Ressourcen, die auf dem Müll absolut nichts zu suchen haben. Da mir die Zeit fehlt, solche Sachen zB bei Ebay einzustellen, verschenke ich mittlerweile alles. Die besonders guten Dinge wie den nie genutzten Pizzaofen oder die Kristallgläser an Oxfam, alles andere bekommt eine Stelle hier in Mainz, die sich über Geschirr genauso freut wie über Kleider, Bücher oder Schuhe. Nur die Spirituosen stehen immer noch bei uns rum.

Ausmisten befreit die Seele

Was für eine Befreiung, wenn man mal wieder für Platz und Ordnung gesorgt hat. Wenn man Schränke aufmacht und einem nicht alles gleich entgegenpurzelt. Wenn man aufräumen kann ohne alles irgendwie in einen Schrank reinstopfen zu müssen. Diese Ruhe, die sich damit im Raum ausbreitet, hat auch Auswirkungen auf meine Seele. Ich fühle mich wirklich befreiter.

Man kann auch zu viel ausmisten

Das ist die eine Seite. Doch es gibt auch eine andere Seite. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft und alles, was nicht mehr funktioniert, wird ganz schnell entsorgt. Und an diesem Punkt habe ich meine Probleme. Denn viele Dinge könnte man problemlos reparieren. Doch wozu, wenn heutzutage der Neukauf billiger ist als die Reparatur? Ich freue mich über die Repair-Cafes, die es mittlerweile in vielen Städten gibt. Ich plädiere für reparieren statt wegschmeißen – weniger aus finanziellen Gründen, viel mehr aus Gründen der Nachhaltigkeit.

Freundschaften ausmisten? Undenkbar!

Das gilt übrigens auch für Freundschaften. Wenn ich sehe, wie mancher mit Freundschaften umgeht, bin ich sprachlos. Wenn Freunde aus irgendwelchen Gründen nicht mehr ins Leben passen oder anstrengend werden, werden sie aussortiert. Meinem Mann und mir ist das selbst vor zwei Jahren so ergangen. Mein Mann ist häufiger gesundheitlich angeschlagen und dem einen Freundespaar waren wir wohl einmal zu oft unpässlich – schwupp dich, nach einem gemeinsamen Urlaub, in dem mein Mann nicht „einsetzbar“ war, wurden wir aus der Freundesliste gestrichen und einfach nicht mehr um Treffen angefragt. Glücklicherweise hatte ich dies irgendwie schon im Urlaub gespürt, sodass mich das Nicht-mehr-melden nicht völlig unerwartet getroffen hat. Das Aussortieren von Freunden ist dank der Sozialen Netzwerke ja auch so einfach gewesen. Ein Häckchen entfernen– zack – entfreundet. Ich kann und will das nicht nachvollziehen. Ja, Freunde sind manchmal anstrengend. Ja, manchmal entwickelt man sich auch in unterschiedliche Richtungen. Ja, manchmal will man lieber seine Ruhe als klärende Gespräche. Aber anders als Tassen oder alte Schuhe sortiere ich Freunde nicht einfach so aus, weil sie mir nicht mehr in den Kram passen. Gerade aktuell kämpfe ich wieder mit einer Freundin, die mich schon lange begleitet. In letzter Zeit wurde es schwierig mit uns. Die Zeit fehlt für schöne Treffen, die Lust oft auch, die Leben driften irgendwie immer mehr auseinander. Aber eine alte Freundin kann man nicht einfach gegen eine neue austauschen. Auch wenn das viel so tun, wenn die alte zu anstrengend wird. Ich plädiere auch hier für reparieren. Und oft geht eine Freundschaft aus einem Streit und einem klärenden Gespräch strahlender und gefestigter hervor. Ausmisten hat seine Grenzen. Und alles, was gucken, atmen und essen kann, hat einen anderem Umgang verdient.

Foto: pixabay/bogitw