Alkoholabhängigkeit

Und immer lockt der Alkohol – vor allem die Deutschen

Alkoholabhängigkeit in der Familie – kommt häufiger vor als man denkt

Ich muss es leider gestehen: ich bin rückfällig geworden. Ich habe es wieder getan, obwohl ich es bis 1. Advent bleiben lassen wollte. Ich habe diese Woche an einem Abend zwei Gläser Sekt getrunken. Das ist nicht viel, ich weiß. Aber es ärgert mich trotzdem. Denn mein Plan sah vor, dass ich bis 1. Advent maximal an einem Abend in der Woche ein Glas Alkohol trinke. Und da wir gerade beim Beichten sind: ich habe auch im Urlaub getrunken. Jeden Abend. Neuen Wein. Damit bin ich leider in bester Gesellschaft, denn in Deutschland wird besonders viel Alkohol getrunken. Ein paar nüchterne Fakten dazu heute in den Freutagsgedanken.

Wo beginnt Alkoholabhängigkeit eigentlich?

Es war schön, das gebe ich offen zu. Jeden Nachmittag saß ich nach einer ausgiebigen Wanderung vor der Hütte im Sonnenlicht und genoss ein Glas neuen Wein. Ohne schlechtes Gewissen. Ich hatte mir für diese Urlaubswoche eine Auszeit von meiner eigenen Regel genehmigt. Doch dass ich diese Auszeit mit in den Alltag nehme, gefällt mir nicht. Beginnt hier schon eine Alkoholabhängigkeit? In dieser Woche habe ich im sehr launigen Freundinnenkreis zwei Gläser Sekt getrunken. Die Auswirkungen habe ich sofort gespürt. Ich war ein bisschen beschwipst. Dieses Gefühl habe ich bis vor Kurzem noch geliebt, wenn man die Welt mit einmal nicht mehr ganz so ernst nimmt. In dieser Woche war ich das erste Mal nach vier Monaten beschwipst und ich konnte es nicht genießen. Denn ich habe mich in den vergangenen Monaten ganz schnell daran gewöhnt, immer 100 Prozent klar im Kopf zu sein. Und den Geschmack von Alkohol, den ich diese Woche nachts im Mund hatte, habe ich auch nicht vermisst.

Alkohol und Alkoholabhängigkeit verschlechtern massiv den Schlaf

Warum ist mir das Thema Alkohol plötzlich so wichtig? Es gab diese Initialzündung nach den Sommerferien. In den 2 Wochen hatten mein Mann und ich jeden Abend Alkohol getrunken und auf dem Heimflug kam mir in Erinnerung, was ich für mein neues Buch „Am liebsten geht es mir gut – leichter leben auch an grauen Tagen“ recherchiert hatte: dass Alkohol ganz massiv den Schlaf beeinträchtigt und ich dachte nach und musste feststellen, dass mein Schlaf selbst im Urlaub durch das 2. Bier tatsächlich immer schlechter war. Also beschloss ich, bis 1. Advent auf Alkohol zu verzichten.

Die Deutschen trinken mehr Alkohol als alle anderen

Und immer wenn man sich mit einem Thema beschäftigt, fallen einem plötzlich Meldungen auf, die man vorher vielleicht gar nicht bemerkt hätte. So fiel mir ein Artikel bei „Spiegel online“ ins Auge, in dem eine Studie der WHO (Weltgesundheitsorganisation) zitiert wird. Demnach trinken Menschen im Schnitt pro Jahr sechs Liter reinen Alkohol. Weltweit gerechnet. In Deutschland allerdings ist die Zahl sehr viel höher.

Laut WHO trinken die Deutschen sogar mehr als doppelt so viel Alkohol wie alle anderen Menschen auf der Welt. Und dabei ist der Konsum in den letzten Jahren sogar gestiegen – von 12,9 Litern reinen Alkohols pro Kopf im Jahr 2010 auf 13,4 Liter im Jahr 2016. In Europa, wo ebenfalls schon immer mehr als im Rest der Welt getrunken wurde, geht der Konsum in den letzten zehn Jahren aber schrittweise zurück, von 11,2 Litern im Jahr 2010 zu 9,8 Litern in 2016. In den USA wird vergleichsweise wenig getrunken. 6,4 Liter pro Kopf im Jahr gleichbleibend seit 2010. Männer trinken übrigens signifikant mehr als Frauen.

Alkoholabhängigkeit ist sehr weit verbreitet

Weltweit leiden laut der WHO-Studie etwa 237 Millionen Männer und 46 Millionen Frauen an einem Alkoholproblem. Die meisten davon leben in Europa und auf den amerikanischen Kontinenten. Einer davon ist einer meiner Lieblingsmenschen. Vielleicht ist das der Grund, warum mich das Thema so umtreibt. Dieser Lieblingsmensch hat viele Gründe, um sich das Leben schön zu trinken. Viele Jahre hat er es geleugnet, ein Alkoholproblem zu haben, mittlerweile gibt es nichts mehr zu leugnen. Denn er betrinkt sich jedes Wochenende und ist an Samstagen und Sonntagen zu nicht mehr viel in der Lage. Und ich fühle mich so hilflos, weil ich nicht weiß, was ich machen soll. Ich bin zwar in sehr engem Kontakt zu ihm, aber ich sehe ihn selten. Wann immer ich das Thema anspreche, bekomme ich dieselbe Antwort: Ich verzichte nicht auf meine Bierchen – wozu?

An den Folgen von Alkohol und Alkoholabhängigkeit sterben jedes Jahr Millionen

Ich wüsste, weswegen mein Lieblingsmensch verzichten sollte. Auch diese Zahlen wurden in der WHO-Studie veröffentlicht: Jeder 20. Todesfall weltweit ging 2016 auf Alkohol zurück. Insgesamt starben mehr als drei Millionen Menschen an den Folgen von übermäßigem Alkoholkonsum, mehr als drei Viertel davon waren Männer. Verletzungen infolge von Verkehrsunfällen, Erkrankungen des Verdauungstraktes, Herzerkrankungen sowie Infektionen, Krebserkrankungen und psychische Störungen, die mit übermäßigem Trinken zusammenhängen, zählen zu den genauen Todesursachen.

Angehörige von Alkoholabhängigen sind co-abhängig

So wie mir geht es vermutlich vielen Millionen Angehörigen von Alkoholkranken. Man ist co-abhängig. Man weiß nicht, wie man sich verhalten soll, wie umgehen mit diesem Problem, das viele noch nicht einmal als Problem ansehen, denn Alkohol ist in unserer Gesellschaft durchaus geduldet. Ja, man macht sich sogar zum Außenseiter, wenn man in geselliger Runde nichts trinkt. Und der Alkoholkonsum wird wohl noch weiter ansteigen – das meinen zumindest die Experten der WHO. Sie raten auf politischer Ebene zu handeln: höhere Steuern auf alkoholische Getränke, Werbeverbote und die Begrenzung des einfachen Zugangs zu Alkohol. Das hat der Einzelne von uns nicht in der Hand. Das heißt aber nicht, dass wir gar nichts tun können.

Was können Angehörige von Alkoholabhängigen tun?

Wenn Du einen Menschen in Deinem engsten Umfeld hast, der ein Problem mit Alkohol hat, kehre es nicht unter den Teppich. Sprich es an. Versorge denjenigen nicht mit Alkohol und trinke grundsätzlich selbst keinen Alkohol, wenn Du diesen Menschen triffst. Wenn Du die Möglichkeit hast, sprich mit dem Arzt des Alkoholkranken und äußere Deinen Verdacht. Viel mehr Tipps findest Du auf der unten genannten Internetadresse. Denn ich bin in diesem Fall kein Experte. Ich bin auch oft völlig hilflos und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich kann mit meinen Freutagsdedanken nur dafür sorgen, dass wir aufhören, so zu tun, als wäre es völlig ok, wenn man jeden Abend ein, zwei oder noch mehr Gläser Wein oder Bier trinkt. Denn das ist nicht ok. Das gefährdet die Gesundheit. Und es gibt noch einen Punkt, den viele gar nicht sehen: Alkohol ist ein Gefühlsverstärker. Wenn ich an grauen Tagen trinke, dann werden die ganz kurz etwas leichter. Aber über diesen Punkt ist man schnell hinweg und dann werden graue Tage dunkelschwarz. Dann werden aus Kummer echte Sorgen. Dann gerät man oft in ein Loch, aus dem man nicht mehr rauskommt. Menschen trinken, um sich das Leben schöner zu machen. Das Ergebnis ist nur meist das Gegenteil.

Ab jetzt heißt es wieder: ohne Alkohol

Ich möchte mal behaupten, dass ich weit von einer Alkoholabhängigkeit weg bin. Denn ich habe auch vor meiner freiwilligen Abstinenz nie regelmäßig jeden Abend getrunken. Aber diese Freutagsgedanken haben mich selbst bestärkt, meinen Plan weiter umzusetzen, bis zur Adventszeit nichts zu trinken. Und vermutlich auch darüber hinaus.

Hier gibt es ausführliche Tipps für den Umgang mit Alkoholkranken

Und hier kannst Du nachlesen, wie es mit meiner Alkohol-Abstinenz angefangen hat:

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