Wie wird man ungeliebte Gefühle los?

Wie wird man ungeliebte Gefühle los?

Gestern am 1. November fuhr ich mit einem SWR-Team durch den Westerwald, um eine neue Ausgabe der „Landesart“ aufzuzeichnen. An den Friedhöfen der Gemeinden war viel los. Menschen standen an den Gräbern und zündeten Kerzen an. Ich hatte tagsüber keine Zeit, um an den Gräbern meiner Lieben zu stehen, aber am Abend nahm ich mir den Raum. Meine Schwiegermutter ist vor 3 Wochen gestorben, meine Mutter wäre vorgestern 80 geworden (sie ist mit 67 an Krebs gestorben) und Ende Oktober vor 5 Jahren ist meine kleine Schwester bei einem Unfall ums Leben gekommen. Da kommen viele traurige Gefühle zusammen. Warum ich mir gestern Abend den Raum für diese ungeliebten Gefühle gegeben habe? Weil man unerwünschte Gefühle so am besten los wird. Darum geht es heute in den Freutagsgedanken.

Ungeliebte Gefühle werden gerne größer

Egal ob Liebeskummer oder Trauer – ungeliebte Gefühle vermeiden wir gerne. Keiner von uns leidet gerne und weint vor Kummer. Ich habe jahrelang schmerzhafte Gefühle, die mich zum Weinen bringen, weggeschoben. Denn Tränen sind anstrengend und kosten Kraft. Und diese Kraft brauchte ich, um meinen Alltag zu bewältigen. Deswegen habe ich lange keine Tränen zugelassen. Genauso ging es mir mit Sorgen. Ich habe früh gelernt, mir Sorgen zu machen. Und so kommen heute noch oft Sorgen hoch, die mein Kopf dann wegschiebt mit dem Einwand, dass diese Sorgen ja nichts mehr mit meinem jetzigen Leben zu tun haben. Doch was passierte? Der Kummer und die Sorgen kamen zurück und wurden immer größer.

So wirst Du ungeliebte Gefühle los

Das ist tatsächlich ein erstaunliches Phänomen. Alles, was wir wegdrücken, nicht wahrnehmen wollen, kommt zu uns zurück. So lange, bis wir uns das anschauen, was da ist. Freiwillig oder gezwungenermaßen. Viele Menschen schauen erst hin, wenn es wirklich fast zu spät ist. Wenn es gar nicht mehr anders geht. Dabei gibt es eine wunderbare Methode, um unerwünschte Gefühle loszuwerden: nimm sie wahr! Schau sie Dir an! Sprich mit ihnen!

Ungeliebte Gefühle verdrängen?

Du kennst das sicherlich auch. Du hast Kummer, irgendetwas belastet Dich und was machst Du? Du machst die Augen fest zu, läufst noch schneller im Hamsterrad und drängst alles weg. Bist mit Deiner Aufmerksamt bei allen anderen, nur nicht bei Dir. Denn wen Du bei Dir wärst, würdest Du mit aller macht spüren, was sich da gerade breit macht. Aber genau das schmerzt. Also weg damit. Das klappt auch eine Zeitlang ganz gut. Doch leider kehren diese Gefühle immer wieder zurück. Wer lange genug verdrängt, was doch gesehen werden will, hat gute Chancen, krank zu werden. Depressionen und Burnout stehen oft am Ende einer langen Verdrängungskette.

Was wollen uns ungeliebte Gefühle sagen?

Auch mich hat es einmal in meinem Leben gesundheitlich ziemlich zusammengefaltet, nachdem ich monatelang viele ungeliebte Gefühle verdrängt habe. Daraus habe ich gelernt. Wenn ich heute merke, da kommt was an, was mein Kopf oder mein Bauch gern sofort verdrängen möchten, werde ich ganz aufmerksam. Und wenn es in der Situation gerade möglich ist, frage ich bei diesem Gefühl nach: Wer bist du denn? Was willst du mir sagen? Und ich passe sehr auf, dass mein Kopf nicht allzu schnell die Antwort gibt, weil er glaubt, er wüsste, was das für ein Gefühl sei. Es ist so, als träfe man bei einem Waldspaziergang auf ein scheues Tier. Auf das rennt man ja auch nicht zu und schreit es an. Unsere Gefühle zeigen sich auch oft nur ganz scheu. Also nähere ich mich ihm vorsichtig und frage leise nach, warum es da ist.

Diese Methode hilft, um mit ungeliebten Gefühlen umzugehen

Und dann passiert oft das Erstaunliche: Immer dann, wenn ich mir die Muße nehme, meinen ungeliebten Gefühlen zu begegnen, werden sie kleiner oder verschwinden sogar ganz. Für dieses Phänomen gibt es auch einen Namen: Focusing. Und diese Methode, sich seine Gefühle genauer anzuschauen, kann man lernen. In Kursen oder auch mit dem Buch von Ann Weiser Cornell „Focusing – der Stimme des Körpers folgen“, das ich sehr empfehlen kann. Wenn Du ungeliebte Gefühle wie Trauer, Kummer oder Wut loswerden willst, dann schaue sie Dir an. Frage sie, was sie Dir sagen wollen und weswegen sie da sind. Denn nur wenn wir ehrlich mit uns und unseren Gefühlen umgehen, kann Zufriedenheit und Lebensfreude wachsen.

Link zum Buch von Ann Weiser Cornell

Foto: pixabay/Clker-Free-Vector-Images

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