Willst Du ewig leben?

Willst Du ewig leben?

Unsere Forscher sind dem ewigen Leben auf der Spur. Bei Tieren klappt das schon ganz gut. Bei einigen Arten konnte man die Lebenserwartung verdoppeln und sogar verneunfachen. Wahnsinn. Wenn man das auf den Menschen überträgt, können wir bald 700 Jahre alt werden. Sehr beeindruckend. Oder doch eher erschreckend? Die Freutagsgedanken heute mit Impulsen, über die man mal nachdenken kann.

In meinem Seminar, das ich an der Hochschule Koblenz gebe, hat mich ein Student  letzte Woche schwer ins Grübeln gebracht. In seinem Vortrag ging es darum, wie toll es ist ewig zu leben – oder eben auch nicht. Ich selbst hab im letzten Monat meinen 50. Geburtstag gefeiert und bin damit im genau richtigen Alter, um mir Gedanken zu machen über „ewiges Leben“ und „ewige Jugend“.

Ewig leben – Traum oder Albtraum?

Am Anfang des Vortrags ging es erstmal um ein paar sehr interessante Zahlen:
„Seit mindestens 4000 Jahren beschäftigten sich Menschen mit der faszinierenden Vorstellung des ewigen Lebens. Heute glauben viele Forscher, das sei gar nicht mehr so weit entfernt. Einige sind optimistisch, es könne bereits 2050 soweit sein. Anfang des 20 Jhd. konnte man sich glücklich schätzen, ein Alter von 50 Jahren zu erreichen. In dieser Sekunde werden drei Kinder geboren, welche eine Lebenserwartung von 81 Jahren haben. Also 30 Jahre länger leben als vor nur einem Jahrhundert und es gibt keine Anzeichen, dass diese Entwicklung rückläufig ist. Unsere Lebensstandards und medizinische Versorgung werden besser und besser und schon in den nächsten 10 Jahren wird erwartet, dass die Lebenserwartung der Menschen 85 zu werden um 350% steigt.“

Das muss man sich einmal in aller Ruhe vorstellen. Es werden ja jetzt schon viele Menschen weit über 80. Aber in nur wenigen Jahren werden es deutlich mehr sein. Und es ist noch viel mehr möglich – so mein Student in seinem Vortrag.

Ewig leben – für Fadenwürmer fast schon möglich

„Mit unserem Wissen können wir viele Krankheiten heilen. Einige Mediziner sehen inzwischen das Altern an sich als Krankheit, welche allerdings behandelt werden kann. Die Wissenschaft hat sogar schon ein paar Erfolge erzielt. So konnte die Lebenserwartung einer Fruchtfliege verdoppelt werden, Mäuse und Ratten lebten ein Drittel länger, Würmer 4-5 mal so lange und Fadenwürmer verlängerten ihre Lebenszeit von 20 Tagen auf 6 Monate – was 9mal so lange ist. Wenn wir das auf einen Menschen übertragen, wären das ca. 720 Jahre! Mehr als genug Zeit.“

Ewig leben – heißt das auch ewig gesund?

Mit der Thematik „Altern als Krankheit“ anzusehen, habe ich mich gerade auch literarisch beschäftigt. In Julis Zeh Roman „Corpus Delicti“, der 2007 als Theaterstück uraufgeführt und 2009 als Buch veröffentlicht wurde, geht es um das „Recht auf Gesundheit“, das in Wirklichkeit von einer diktatorischen Gewaltherrschaft befohlen wird. Keiner darf mehr etwas tun, was seiner Gesundheit schadet. Rauchen? No Sport? Ungesundes Essen? Vergiss es. Alles wird dem Gesundheitsdiktat unterworfen, um den Menschen möglichst lange gesund zu erhalten. Auch in unserer Realität wird daran heftig geforscht.

Ewig leben – dank neuster Technik ist es vielleicht bald Wirklichkeit

„Doch wie ist das überhaupt möglich? Durch beispielsweise Nanotechnik könne die Lebenserwartung sehr angehoben oder sogar das ewige Leben garantiert werden. In diesem Augenblick wird am MIT mit winzig kleinen Nonorobotern geforscht, die in unserem Körper Krankheiten heilen, den Zellverfall verlangsamen und bestenfalls verhindern. In den nächsten 25 Jahren sollen diese Nanoroboter, Zellen und Organe so gut reparieren können, dass wir rein theoretisch so lange leben, wie die Software der Roboter funktioniert. Wesentlich interessantester finde ich aber die Vorstellung, dass unsere kompletten Gehirninhalte wie Erinnerungen, Gedanken und die Persönlichkeit auf Computer abgespeichert werden. So könnten wir quasi in einer programmierten Welt leben oder uns irgendwann in einem Roboter hochladen. Es wird noch einiges an Zeit, Geld und Forschung benötigt aber es sieht ganz danach aus, als würde in den nächsten Jahren etwas revolutionäres Geschehen. Wem das alles doch noch zu weit weg ist kann sich zur Not auch nach dem Tod künstlich einfrieren lassen. Der Körper wird konserviert und wieder aufgetaut, wenn die Technik weit genug ist um uns ins Leben zurück zu holen. Eine Firma Namens Alcor bietet dies an und hat bereits 1300 Kunden.“

1300 Kunden hört sich nicht viel an. Aber das sind vermutlich diejenigen, die sich das sicherlich nicht gerade preiswerte „Vergnügen“ eingefroren und irgendwann wieder aufgetaut zu werden, um dann ewig weiterleben zu können, momentan leisten können. Wie viele Kunden hätte das Unternehmen, wenn das Unterfangen kostenlos wäre? Wie viele Menschen träumen wirklich von der Unsterblichkeit?

Willst Du ewig leben? Da ploppen plötzlich viele Fragen auf

Der junge Student hat sich und uns noch ganz andere Fragen gestellt:

Habt ihr euch schon mal die Frage gestellt, wie die Welt wohl aussieht wenn man ewig Leben könnte?
– Wie lange müssten wir arbeiten?
– Wäre ein Renteneintrittsalter mit 500 Jahren doch etwas früh im Vergleich zur Ewigkeit?
– Wie lang wäre wohl Langzeitarbeitlosigkeit?
– Und wie viele junge Menschen würden einen Job bekommen, wenn die alten in ihren Berufen verweilen?
– Was passiert, wenn die Alten nicht sterben?
– Dürften wir dann noch Kinder bekommen?
– Was wenn es keine sinnvolle Aufgabe gibt mit der man sich lange beschäftigen kann?
– Oder Wie lange wären Gefängnisstrafen?
– Wie viel Wert hätte denn das Leben, wenn es nicht endet?“

Wieviel Wert haben Dinge überhaupt, die immer da sind? Wenn nichts mehr vergänglich ist? Wenn alles Schöne für immer bleibt? Wenn Blumen für immer blühen und Kunstwerke unkaputtbar sind?

Mein Student hat diese Antworten gefunden:
„Wäre ewig Zeit, wäre die Zeit doch entwertet! Irgendwann wären alle Ziele erreicht und wir würden vermutlich vor Langeweile sterben. Wir wären wohl wortwörtlich ‚lebensmüde‘.“

Ewig leben – für mich ein Albtraum

Kurz nachdem mein Vater gestorben war, traf ich liebe Freunde, die ihre ersten beiden Kinder während der Schwangerschaft bzw. kurz nach der Geburt verloren hatten. Und als ich so traurig zwischen ihnen saß, sagte mein Freund einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Es ist gut, dass alles irgendwann einmal vorbei ist.“ Und so sehe ich die Sache mit dem „ewigen Leben“ auch. Alles, was ewig währt, wird bedeutungslos. Es ist gut, dass wir nur eine beschränkte Zeit auf Erden haben. Aber die sollten wir gut nutzen. Und das sehe ich als meine Aufgabe an: nicht vom ewigen Leben träumen und darauf hoffen, dass es irgendwann einmal möglich ist, sondern das, was wir haben, wirklich leben und erleben.

Foto: Pixabay/PublicCo

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