Wut im Bauch

Diese Woche hatte ich im Gespräch mit Kollegen eine entscheidende Erkenntnis. Es ging um unsere Kinder. Eine Kollegin erzählte, wie ihre beiden Jungs – während der Abwesenheit der Eltern – eine große Party im Elternhaus gefeiert hatten und anschließend gerade mal oberflächlich sauber gemacht hatten. Meine Kollegin empfand das unglaublich respektlos, dass ihre Jungs das Saubermachen so selbstverständlich ihr überließen. Ein anderer Kollege meinte dazu, dass wir halt zu lässig sein wollten als Eltern und einfach mehr brüllen mussten. Da fragte ich erstaunt nach, ob die beiden denn nicht mal laut Dampf abließen. Beide verneinten und ich hatte ein Thema für die heutigen Freutagsgedanken.

Mit Wut im Bauch sagt man leichter Dinge, die man später bereut

Denn ich kann in der Tat ganz schön laut werden, wenn mich meine Kinder zu sehr ärgern. Nicht oft, aber wenn, dann raketenmäßig. Meine Kollegin meinte noch, sie hätte zu wenig Energie zum Brüllen. Darüber kann ich mich nicht beschweren. An Energie und Wut fehlt es mir nicht. Als Kind war ich ausgesprochen jähzornig. Mein Vater erzählte immer, dass ich wie ein Gummiball durch die Wohnung gehüpft sei vor Wut, wenn meine Legosteine nicht das machten, was ich wollte. Die Wut in mir fand keiner gut in meiner Familie. Dafür musste ich viel Kritik einstecken. Und so gewöhnte ich mir meinen Zorn und meine Wut nach und nach ab. Ließ sie nicht mehr raus. Unterdrückte sie. Was auch gut ist, denn vor Kollegen, die vor lauter Wut Türen schmeißen, hat niemand Respekt. Man sagt mit Wut im Bauch leichter Dinge, die man später bereut. Und zu viel Wut kann einem auch viele schöne Momente kaputt machen. Wut ist in unserer Gesellschaft nicht sehr anerkannt. Und das hat auch seine Berechtigung. Wo kämen wir hin, wenn wir uns in Meetings ständig anschrien, Türen schlügen oder Dinge nachwürfen, nur weil wir unterschiedlicher Meinung sind. In einem Zusammenleben, in dem unterschiedliche Temperamente aufeinandertreffen, hat Wut nichts zu suchen. Oder konkreter gesagt: kann nicht jeder seiner Wut freien Lauf lassen.

Wut im Bauch hat auch positive Seiten

ABER: Wut ist nicht nur schlecht. Wut hat auch positive Seiten. Wut ist eine wahnsinnige Antriebsfeder. Wut ist auch ein Teil von uns. Wut gehört zu uns dazu wie Liebe oder Sehnsucht. Wenn man unerwünschte Gefühle wie Wut nie rauslässt, sondern sie immer unterdrückt, dann werden sie immer größer und mächtiger. Sie kehren so lange zurück, bis Du ihnen Aufmerksamkeit schenkst. Denn wie jedes Gefühl, das auftaucht, will auch Wut uns etwas sagen.

Wut im Bauch ist auch ein Geschenk

„Wut ist ein Geschenk“ – das ist der Titel eines wunderbaren Buches von Arun Gandhi. Er ist der Enkel des berühmten Mahatma Ghandi. Arun war ein wütender Junge und viel in Schlägereien verwickelt. Seine Eltern, die wie der Großvater nach den Prinzipien der Gewaltlosigkeit lebten, verzweifelten an ihm. Deswegen schickten sie ihn von Südafrika nach Indien in den Ashram des Großvaters. Dort lernte der Junge seine Lektionen fürs Leben, unter anderem die, dass Wut ein Geschenk sei. Denn auch Mahatma Gandhi war nicht immer langmütig und nachsichtig. Auch er war in jungen Jahren zornig, lernte aber, die Wut für Positives zu nutzen. Denn „Wut ist für einen Menschen wie Benzin für ein Auto – sie treibt einen an, damit man weiterkommt, an einen besseren Ort. Ohne sie hätte man keinerlei Motivation, sich einem Problem zu stellen. Wut ist die Energie, die uns zwingt, zu definieren, was gerecht ist und was ungerecht.“

Wie nutzt man Wut im Bauch für etwas Positives?

Wie schafft man es, seine Wut für etwas Positives zu nutzen? Eine Freundin von mir bekam vor einigen Jahren von ihrem Arbeitgeber eine Vertragsänderung. Dieser neue Vertrag stellte sie deutlich schlechter, doch sie konnte daran nichts ändern und musste ihn unterschreiben. Diese Ungerechtigkeit machte sie so wütend. Und diese Wut im Bauch trieb sie an. Schon lange hatte sie von einer Selbständigkeit geträumt, doch den Schritt nie gewagt. Nun recherchierte sie, wurde konkreter, stellte einen Businessplan auf. Heute ist sie sehr glücklich mit ihrer Werbeagentur. Vielleicht wäre sie diesen Schritt ohne diese Wut im Bauch nie gegangen.

Empathie lässt Wut im Bauch verdampfen

Doch wie kann man im Alltag mit seiner Wut umgehen? Wenn ich mich über einen bequemen Kollegen oder eine patzige Verkäuferin ärgere? Dann atme ich erstmal aus. Und dann versuche ich es mit Empathie, überlege mir, welchen Ärger dieser Mensch wohl hatte, dass er ist, wie er gerade ist. Vielleicht hat er Sorgen oder Kummer. Vielleicht hat er einen kranken Partner oder eine hohe Rechnung zu bezahlen. Wir wissen ja nicht, welches Päckchen der andere gerade zu tragen hat.  Aber der Gedanke, dass es dem anderen vielleicht gerade nicht gut geht, lässt meine Wut verdampfen. Und wenn sich eine Zeit lang doch Wut angestaut hat, kann man sie auch mal laut raus schreien. Nicht im Büro, aber im Wald. Das ist sehr befreiend.

In all den Jahrzehnten habe ich es gut gelernt, meine Wut zu kanalisieren. Nur bei meinen Kindern nicht. Die schaffen es immer mal wieder, mich in 0,2 Sekunden zum Rasen zu bringen. Aber auch das hat etwas Gutes. Denn wenn ich sie so richtig angeschrien habe, dann räumen sie ihre Zimmer extra gut auf.

Hier weitere Impulse für Tage, die nicht rund laufen.

Hier gibt es einen Blick ins Buch „Wut ist ein Geschenk“.

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